Bevölkerungs- vs. wirtschaftliches Wachstum
Wie ist es Äthiopien im Hinblick auf die steigende Bevölkerungszahl überhaupt gelungen, die bisherigen Fortschritte im Bereich WASH zu erzielen? Dies liegt zum einen an der Verankerung auf politischer Ebene, bei der eine angemessene Wasser- und Sanitärversorgung als politisches Ziel in Regierungsplänen integriert wurde (vgl. Growth and Transformation Plan II , One WASH National Program).
Darüber hinaus muss aber auch die ökonomische Situation als entscheidender Faktor berücksichtigt werden, die es dem Land aufgrund seiner konstant hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten von durchschnittlich ca. 9 % in den letzten Jahren überhaupt erst ermöglichte, das Thema der Armutsbekämpfung zu adressieren und die Grundversorgung im Bereich WASH auszubauen. Hier konnte Äthiopien allein in den letzten zehn Jahren die Armut erheblich verringern – lebten 2011 noch 30 % unter der Armutsgrenze, waren es nur fünf Jahre später nur noch 24 % – wenn auch aufgrund der COVID19-Pandemie und der Heuschreckeninvasion von 2020 sowie der dadurch bedingten steigenden Arbeitslosigkeit und Erhöhung der Lebensmittelpreise wieder mit einem Anstieg von Armut zu rechnen ist (vgl. Weltbank a).
Und nicht zuletzt sind die Auswirkungen des Bürgerkriegs, dem von November 2020 bis November 2022 in der Region Tigray mehr als eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen, noch immer schwer abzuschätzen (vgl. Deutschlandfunk). Studien gehen davon aus, dass die Wasserversorgung in der Konfliktregion um mehr als 50 % zerstört wurde, d. h. die Abdeckung fiel in Folge des Krieges auf 28 % in ländlichen Gebieten und 25 % Abdeckung in städtischen Gebieten. Der Krieg hat mehr als 3,7 Millionen Menschen in Tigray einem Mangel an Trinkwasserversorgung und wasserbedingten Risiken wie Krankheiten und Ernährungsunsicherheit ausgesetzt. Die Zerstörung der Wasserinfrastruktur war in Tigray schätzungsweise um 15 % höher als die Schäden an Syriens Trinkwasserversorgung während des dortigen zehnjährigen Konflikts (Vgl. Earth Arxiv).
Generell liegt Äthiopien trotz des beschriebenen Wachstums im Hinblick auf wirtschaftliche Faktoren regional und global gesehen weiterhin unter dem Durchschnitt. Beispielsweise erzielte Kenia im Jahr 2023 mit nur halb so vielen Einwohner*innen ein ähnliches Bruttoinlandsprodukt (BIP) wie Äthiopien (163 Milliarden USD insgesamt, 1.300 USD Pro-Kopf-Einkommen, vgl. Weltbank b). Im Hinblick auf diesen Faktor als auch unter Berücksichtigung weiterer Aspekte wie wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, Lebensstandards (in Bezug auf Gesundheit und Nahrungsmittelversorgung) und Bildung wird Äthiopien seitens des UN-Komitees für Entwicklungspolitik daher auch weiterhin als sog. Least Developed Country eingestuft – auf dem Human Development Index nimmt es Platz 176 (von insgesamt 193 Plätzen) ein.
Auch die Ungleichheit ist mit einem Gini-Index von 35 im Land vergleichsweise hoch. Äthiopien liegt hier etwas unterhalb anderer ostafrikanischer Länder wie Kenia oder Tansania (vgl. Weltbank c). Diese Unterschiede zwischen arm und reich spiegeln sich auch im Bereich der Wasser- und Sanitärversorgung wieder, wobei noch ein weiterer Faktor dafür entscheidend ist, ob und welchen Zugang man zu WASH hat: Der Ort innerhalb des Landes, an dem man lebt.
Stadt vs. Land
Die Mehrheit der Bevölkerung Äthiopiens – konkret 77 % – lebt in eher ruralen Gegenden, in denen das Leben agrar geprägt ist und sich durch einen hohen Anteil an Subsistenzwirtschaft auszeichnet.
Für diese Bevölkerungsgruppe ist die Versorgung mit WASH meist wesentlich prekärer als für die Stadtbevölkerung (vgl. Weltbank d).
Zwar ist in der Regel genug Grundwasser vorhanden, aber die Grundwasserquellen sind der Bevölkerung oft nicht zugänglich. Meistens wegen fehlender Infrastruktur, weil die Schaffung eines Zugangs aufgrund der komplexen geographischen und hydrogeologischen Beschaffenheit der Erde mit Schwierigkeiten verbunden ist (vgl. UNICEF a).
Die Folge: 58 % bzw. 73 Millionen der Menschen in ruralen Gegenden haben keinen Zugang zu einer zumindest „einfachen Wasserversorgung“. Dies bedeutet, dass sie auf Wasserquellen außerhalb ihres Haushaltes zurückgreifen und dafür mehr als 30 Minuten aufwenden müssen (Hin- & Rückweg und Wartezeit vor Ort). Vor allem große Entfernungen stellen eine Schwierigkeit dar, indem der Transport von Wasser über weite Strecken schwierig ist und auf die Menge, die eine Person alleine und ohne Hilfsmittel wie z. B. Esel täglich tragen kann, limitiert ist. Zudem: In 26 % der Fälle kommt das Wasser aus ungeschützten Quellen wie Tümpeln, Bächen oder anderen offenen Gewässern, die aufgrund ihrer Verunreinigung ein erhebliches Gesundheits- und Lebensrisiko darstellen (vgl. JMP c, JMP d, WHO & UNICEF).
Im Vergleich: In urbanen Gegenden haben lediglich 17 % der Bevölkerung keinen Zugang zu einer einfachen Wasserversorgung (vgl. JMP e).