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Whib’s Story – Folge 3: Langer Bart

24. April 2024

4 Minuten Lesedauer

Whibeslassie Tesfaslassie ist in der äthiopischen Gemeinde Hagua aufgewachsen, ohne Zugang zu Wasser und Bildung. Heute ist er Hydrogeologe und war am Bau von 6000 Brunnen beteiligt. Was bedeutet es, zu handeln, Verantwortung zu übernehmen, sich dem Leben anderer zu widmen? Das will die Autorin Sonja Hartwig mit ihm ein Jahr lang herausfinden.

Dies ist Folge 3 der zwölfteiligen Serie. Wir möchten darauf hinweisen, dass der folgende Text von Gewalt und Tod handelt. 

Whib, ich kann dich nicht sehen.

„Ja, die Kamera sagt: fehlgeschlagen.“

Wollen wir wieder einfach so sprechen, ohne Bild?

„Ist das okay für dich?“ 

Bitte sag mir, wie du aussiehst.

„Ich habe immer noch langes Haar. Daher weißt du nun, dass ich noch immer trauere und es einen weiteren bestätigten Todesfall gibt. Man hat uns gesagt, dass mein Bruder tot ist.“

Whib, das tut mir sehr leid. Möchtest du davon erzählen? 

„Ja, ich erzähle gerne.…Es war zuvor über die Medien berichtet worden, dass die Regierungsleute übermitteln werden, wer im Krieg gestorben ist. Also sind wir, zwei Brüder, meine Schwester, andere nahe Verwandte und ich aus der Stadt zu meiner Familie ins Hinterland gefahren, in die Gemeinde Hagua. Wir brachen um vier Uhr morgens auf, und als wir ankamen, weinten alle. Der Tod meines Brudes war bereits bestätigt worden. Am Tag fand dann noch ein offizielles Gedenken statt. Und am nächsten Tag noch eins, das war für einen Verband von vier Ortschaften. In diesen war über den Tod von achtzig Menschen berichtet worden. Gibt es sonst einen Todesfall, gehen viele Menschen zu dem Haus, in dem getrauert wird, überbringen ihr Beileid, sprechen Kraft aus, den Wunsch, stark zu bleiben, bringen Essen. Aber wenn so viele gestorben sind, wo willst du dann hin gehen? Ich kannte unter den 80 Verstorbenen mehrere, einige Kinder von meinen alten Freunden sind darunter. Wenn ich zu einem oder zwei gegangen wäre, würden die anderen denken: Warum kommt er nicht zu mir? Es waren einfach zu viele. Wenn du irgendwo anfängst, musst du überall hin, das konnte ich nicht schaffen. Also blieben wir als Familie zusammen, in Gedenken an meinen Bruder, und drückten den anderen Familien unser Mitgefühl lediglich bei den offiziellen Gedenken aus, nicht bei ihnen zu Hause.…“ 

Gedenkveranstaltung für die gefallenen Soldaten, darunter Whibs Bruder.

„Mein Bruder war der Sohn meiner Mutter und ihres zweiten Mannes, er war ein witziger Kerl. Er machte immer viele Witze, er hatte viele Freunde und konnte gut mit jungen Leuten. Er war 28 Jahre alt und hatte ein Kind, ein Mädchen. Das ist das, was ich über ihn sagen kann. Er ging nicht sofort in den Krieg, sondern ungefähr neun Monate nachdem der begonnen hatte. Es war seine Entscheidung, er erzählte seinen Freunden davon, aber nicht seiner Familie. Auch meine Mutter erfuhr es erst danach. Um sie sorge ich mich schon die ganze Zeit am meisten. Als sie einmal die Nachricht bekam, dass ihre beste Freundin gestorben war, fiel sie ihn Ohnmacht. Und so dachte ich, das könne nun auch passieren, wenn sie vom Tod ihres eigenen Sohnes erfährt. Und es geht ja auch nicht nur um ihn! Als meine Mutter ihren zweiten Mann heiratete, hatte er schon zwei Kinder, sie zog diese Kinder auf, sie waren sich nah. Eines von ihnen starb bereits zu Beginn des Krieges. Und nun erfuhr sie vom Tod ihres Sohnes, vom Tod eines Enkels und noch von einem Enkel ihres Mannes. Es ist also eine große Traurigkeit, überall. Meine Mutter hat aber besser reagiert als ich es erwartet habe, vielleicht hatte sie sich irgendwie doch schon bereit gemacht, nachdem sie zwei Jahre lang keine Informationen über meinen Bruder hatte. Sie hat vielleicht innerlich damit gerechnet, dass er nicht mehr zurückkommt. Einige sagten zwar immer, vielleicht wurde er gekidnappt, vielleicht ist er inhaftiert, aber die größte Wahrscheinlichkeit war, dass er tot ist.…Als ich meine Mutter dann bitterlich weinen sah, musste ich auch weinen; ich musste auch weinen, weil es sie so brach. Und dann um uns herum überall die gleiche Situation, Menschen, die du seit Jahren kennst, weinen um ihre Kinder. Ein großer Teil einer Gemeinschaft ist gestorben und wir alle teilen diese Trauer.…Wenn ich an meinen Bruder denke, dann kommt mir in den Sinn, wie wir zusammen lachten. Er lachte mit meinen Kindern, meiner Frau, dieses Lachen kann ich noch hören.“

Whibs Bruder, gefallen im Krieg.

Whib, verrätst du mir noch, wann du deinen Bart schneiden wirst? 

„Vielleicht in fünf Tagen oder in einer Woche. Man muss auch wieder aus diesem Zustand raus. Weitermachen.“ 

Nun haben wir heute nur über Schmerzhaftes gesprochen und selbst du, von dem ich schon verstanden habe, dass du trotz Schwere immer lachst, hast nicht einmal gelacht.

„Das ist Teil des Lebens.“

Die Autorin

Sonja Hartwig ist Autorin. Sie hat viele Jahre als Reporterin gearbeitet und Reportagen und Portraits im Stern, im Spiegel und vor allem in der ZEIT veröffentlicht. Sie schreibt Bücher und arbeitet an künstlerisch-dokumentarischen Projekten zu persönlichen und gesellschaftlich existentiellen Themen wie Tod und Sterben. Zudem ist sie Co-Autorin des Buchs Alles Geben unseres Stiftungsgründers Neven Subotic.