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WASH – drei Grundlagen für ein gesundes Leben

6. April 2023

11 Minuten Lesedauer

David Höltgen

Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene (WASH) bilden die drei Lebensgrundlagen, die für eine gesunde und selbstbestimmte Entwicklung eines jeden Menschen unverzichtbar sind.

Wasser ist Leben. Doch verstehen wir auch, was das bedeutet? Eigentlich ist es ganz einfach: Der Zugang zu sauberem Wasser nimmt unmittelbar Einfluss auf den Verlauf eines jeden Lebens. So besteht jeder einzelne Organismus zu einem gewissen Teil aus Wasser, allein der menschliche Körper zu über 60 Prozent. Unser gesamter Stoffwechsel ist auf Wasser angewiesen. Wenn wir nicht regelmäßig sauberes Wasser zu uns nehmen, ist unsere Gesundheit stark gefährdet. Wasser ist beispielsweise für die Herzkreislauffunktion und die Verdauung zuständig und dient als Lösungsmittel für Salze und Mineralstoffe sowie als Transportmittel für Nährstoffe und Abbauprodukte. Sauberes Wasser ist also die wichtigste Grundlage für ein gesundes Leben.

Sauberes Wasser verglichen mit verunreinigtem Wasser

Wasser, Sanitär und Hygiene – ein ganzheitliches System

Doch zusätzlich zu sauberem Wasser gibt es zwei weitere, entscheidende Komponenten, die von überlebenswichtiger Bedeutung für jeden Menschen sind: eine sichere Sanitärversorgung sowie eine regelmäßige Hygienepraxis. Einfache, kausale Beschreibungen verdeutlichen den direkten Zusammenhang dieser drei Lebensgrundlagen: 

  • fehlende Sanitäranlagen führen zu schlechten hygienischen Bedingungen, im schlimmsten Fall sogar dazu, dass Trinkwasser durch nicht entsorgtes Abwasser verunreinigt wird und stellen auf diese Weise wieder ein Gesundheitsrisiko dar 
  • Gleichzeitig ist die Verfügbarkeit von sauberem Wasser Voraussetzung dafür, dass regelmäßig krankheitsverringernde Hygienemaßnahmen umgesetzt werden können 
  • Nur in Verbindung mit regelmäßigen Hygienepraktiken, wie z.B. richtigem Händewaschen und der Verfügbarkeit von Seife, ist ein hygienischer Umgang im Alltag möglich

Der direkte Zusammenhang von fehlender Wasserverfügbarkeit, nicht vorhandener Sanitärversorgung und mangelnder Hygiene verlangt es, diese Bereiche zusammenhängend zu betrachten und ganzheitliche Lösungen zu entwickeln.

Nur wenn alle drei Komponenten vorhanden sind, können Wege der Krankheitsübertragung durchbrochen und eine gesunde Lebensweise etabliert werden. 

Jeder dritte Mensch hat keinen direkten Zugang zu sauberem Wasser

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef und der Weltgesundheitsorganisation WHO haben 2,2 Milliarden Menschen keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser (Stand: 2017, WASH-Bericht von WHO und Unicef). Das bedeutet konkret, dass etwa jeder dritte Mensch auf der Welt im eigenen Haushalt keine Möglichkeit hat, sauberes Wasser zu beziehen. Für etwa jeden zehnten Menschen weltweit (etwa 785 Millionen Menschen) liegt die Beschaffungszeit von Wasser sogar bei mindestens 30 Minuten – häufig sogar weitaus länger. Besonders problematisch ist dieser Zustand deswegen, weil dieses von weit her beschaffene Wasser oftmals kontaminiert ist und unmittelbar gesundheitsgefährdend ist. Täglich müssen Millionen Menschen Wasser aus ungeschützten Oberflächengewässern wie Bächen oder Tümpeln entnehmen, aus denen auch Tiere trinken. 

Erschwerend hinzu kommt, dass mehr als die Hälfte aller Menschen (etwa 4,2 Milliarden) keine sichere Sanitärversorgung hat. Durch das Fehlen dieser existenziellen Lebensgrundlagen entstehen unmittelbar erhebliche Gesundheitsrisiken – und viele weitere existenzielle Probleme.

Begriffsdefinition der Vereinten Nationen

Einfacher Zugang zu Wasser

Von einer einfachen Trinkwasserversorgung ist die Rede, wenn es sich um eine verbesserte Trinkwasserquelle handelt und die Beschaffungszeit nicht länger als 30 Minuten dauert.

Sicherer Zugang zu Wasser

Von einer sicheren Trinkwasserversorgung spricht man, wenn es sich um eine verbesserte Trinkwasserquelle handelt und das Wasser direkt im Haushalt verfügbar, jederzeit zugänglich und frei von Kontamination ist.

Einfache Sanitärversorgung

Von einem Zugang zu einfachen sanitären Einrichtungen spricht ist die Rede, wenn es sich um eine verbesserte Sanitäreinrichtung handelt, die nicht mit anderen Haushalten geteilt wird.

Sichere Sanitärversorgung

Von einem Zugang zu sicheren sanitären Einrichtungen spricht man dann, wenn es sich um eine verbesserte Sanitäreinrichtung handelt, die nicht mit anderen Haushalten geteilt wird und die Ausscheidungen sicher behandelt und entsorgt werden.

Vielfältige negative Folgen durch fehlenden Zugang zu WASH

Besonders betroffen von fehlendem Zugang zu sauberem Wasser und mangelnder Hygiene sind die Menschen im globalen Süden – und dort vor allem diejenigen, die in den ländlichen Gebieten leben. Allein in Afrika südlich der Sahara leben etwa 39% aller Menschen dort (Quelle: WASH-Bericht von WHO und Unicef) ohne Zugang zu einer einfachen Trinkwasserversorgung. Nur etwa jede vierte Person, die in Subsahara-Afrika lebt, hat Zugang zu einer Toilette. 

Leben ohne sauberes Wasser (Video von well:fair)

Ein fehlender Zugang zu sauberem Wasser gefährdet bereits ab der ersten Lebensstunde die Entwicklung eines Kindes. Daher ist auch die Kindersterblichkeitsrate insbesondere in vielen ländlichen Regionen Afrikas sehr hoch. Verunreinigtes Wasser, mangelnde Hygiene und fehlende sanitäre Einrichtungen sind dafür im Wesentlichen verantwortlich. 

Allein 3600 Kinder unter fünf Jahren sterben weltweit täglich an Durchfallerkrankungen und ihren Folgen.

Das ist die zweithöchste, einzeln benennbare Todesursache von Kindern dieser Altersstufe überhaupt (vgl. VENRO). Und auch erwachsene Menschen sind von Durchfallerkrankungen, die durch regelmäßiges Händewaschen und hygienische Verhaltensweisen auf eine recht einfache Art verhindert werden könnten, betroffen. Tatsächlich fordern sie insgesamt mehr Todesfälle als Malaria, Masern und Aids zusammen. Sichere Wasser- und Sanitärversorgung sowie eine gute Hygienepraxis sind zugleich essentiell, um den Ausbruch von Epidemien wasserbedingter Erkrankungen (wie Cholera) oder leicht übertragbarer Krankheiten (wie Covid-19 und Ebola) zu vermeiden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich etwa 2,4 Millionen Todesfälle sowie knapp 10 % aller global existierenden Krankheiten durch sauberes Wasser, sichere Sanitäranlagen und Hygiene verhindert werden könnten.

Unmittelbare negative Folgen für Bildungschancen

Neben den gesundheitlichen Folgen hat der fehlende Zugang zu WASH zugleich vielfältige negative Auswirkungen auf individuelle Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Krankheitsbedingte Ausfälle, der nicht vorhandene Schutz der Intimsphäre sowie die oftmals strapaziösen und zeitintensiven Wege der Wasserbeschaffung sorgen für erhebliche Einschränkungen und Ausfallzeiten in der Schule und im Beruf. Hier ist vor allem der zeitliche Aspekt der Wasserbeschaffung problematisch: In vielen ländlichen Gemeinden, wo die Wasserversorgung traditionell Frauen und Mädchen zugeordnet wird, müssen durchschnittlich sechs Kilometer zu Fuß zurückgelegt werden, um Wasser zu beschaffen. Mit sich tragen die Frauen und Mädchen dabei mit 20 Litern Wasser gefüllte Kanister. Der tägliche Aufwand an Zeit kann nicht – oder nur unzureichend – in die eigene Bildung investiert werden. Und wenn trotz Wasserbeschaffung der Schulbesuch zeitlich noch möglich ist, sind viele Mädchen aufgrund des immensen Kraftaufwandes häufig völlig erschöpft und nur in sehr geringem Maße in der Lage, Wissen aufzunehmen und konzentriert zu lernen.

Besondere Bedeutung von WASH für Frauen und Mädchen

Speziell für Frauen und Mädchen ist ein gesicherter Zugang zu WASH also von zentraler Bedeutung. Denn neben der zeit- und kraftintensiven Wasserbeschaffung gibt es noch einen weiteren Grund, warum viele Mädchen dem Unterricht häufig gezwungenermaßen fernbleiben müssen: So gibt es in vielen Schulen aufgrund unzureichender Sanitärversorgung und fehlenden Toiletten keinen sicheren Ort, wo die Intim- und Privatsphäre geschützt ist. Vor allem für Mädchen in der Pubertät wird dieses Fehlen eines Rückzugsraums während ihrer Menstruationsphase zu einem folgenreichen Problem. Die UNESCO schätzt, dass eines von zehn Mädchen in Subsahara-Afrika während ihrer Menstruation die Schule nicht besucht, wobei durchschnittlich jeweils vier Fehltage vorliegen (Quelle: UNESCO).

Ziel Nummer 6 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen

Auch die UN versucht das Thema WASH mit all seinen Implikationen verstärkt in den Fokus zu rücken. So ist das Recht auf Zugang zu sauberem Wasser und sanitärer Versorgung seit 2010 ein anerkanntes Menschenrecht. Es ist für den “vollen Genuss des Lebens und aller Menschenrechte” unverzichtbar, erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 28. Juli 2010.

Folgerichtig gehört die Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung sowie der Zugang zu einer angemessenen Hygiene für alle Menschen auf der Welt (als Ziel Nummer 6) zu den insgesamt 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (UN), die bis 2030 erreicht werden sollen. Das Ziel dieser Agenda 2030 ist es, die globale Entwicklung sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltig zu gestalten.

Auszug aus Ziel Nummer 6: Sauberes Wasser und sichere Sanitäreinrichtungen

Trinkwasser für alle

Bis 2030 den allgemeinen und gerechten Zugang zu einwandfreiem und bezahlbarem Trinkwasser für alle erreichen

Sanitärversorgung und Hygiene für alle

Bis 2030 den Zugang zu einer angemessenen und gerechten Sanitärversorgung und Hygiene für alle erreichen und der Notdurftverrichtung im Freien ein Ende setzen, unter besonderer Beachtung der Bedürfnisse von Frauen und Mädchen und von Menschen in prekären Situationen

Wasserqualität verbessern

Bis 2030 die Wasserqualität durch Verringerung der Verschmutzung, Beendigung des Einbringens und Minimierung der Freisetzung gefährlicher Chemikalien und Stoffe, Halbierung des Anteils unbehandelten Abwassers und eine beträchtliche Steigerung der Wiederaufbereitung und gefahrlosen Wiederverwendung weltweit verbessern

Bis 2030 soll laut UN die internationale Zusammenarbeit und die Unterstützung derjenigen Länder, die diesbezüglich vor den größten Problemen und Herausforderungen stehen, beim Kapazitätsaufbau für Aktivitäten und Programme im Bereich der Wasser- und Sanitärversorgung, ausgebaut werden. Um das Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung für alle Menschen zu gewährleisten, ist es unabdingbar, sich gleichermaßen auf den erstmaligen Zugang und auf die Gewährleistung zuverlässiger und nachhaltiger WASH-Versorgung zu konzentrieren.

Mit WASH-Programmen wirkungsvoll globale Ungerechtigkeit bekämpfen

Ganzheitliche WASH-Programme, also der Bau von Trinkwasserbrunnen und Sanitäranlagen sowie umfangreiche Hygienetrainings, können unmittelbar Verbesserungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Emanzipation erreichen. So kann die Ausstattung einer Schule mit Trinkwasserbrunnen und Sanitäranlagen einen direkten positiven Einfluss auf den Unterrichtsbesuch der Schüler*innen haben. Der zentrale Faktor besteht dabei darin, dass durch den Zugang zu Wasser im unmittelbaren Schulumfeld die in vielen ländlichen Gebieten erforderliche tägliche Wasserbeschaffung und der damit verbundene Zeit- und Energieaufwand entfällt. Die Bereitstellung von sauberem Wasser an Schulen führt folglich dazu, dass täglich mehr Schüler*innen den Unterricht besuchen. Zugleich zielt die Errichtung von Sanitäranlagen explizit darauf ab, die Bedingungen für Mädchen im Hinblick auf ihre grundlegenden hygienischen Bedürfnisse zu verbessern und ihre Intimsphäre zu schützen und auf diese Weise Gleichberechtigung zu fördern.

Schulen mit Sanitäranlagen und einem direkten Zugang zu sauberem Trinkwasser erhöhen nachhaltig die Entwicklungsmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven vieler Kinder und Jugendlicher.

Auch abseits der Schule führt in (speziell ländlichen) Gemeinden der Entfall der zeitintensiven Wasserbeschaffung zu einer enormen Zeit- und Kraftersparnis. Die neu gewonnene Zeit kann stattdessen für andere Tätigkeiten, wie der Erwirtschaftung des Lebensunterhalts oder der Kindererziehung, genutzt werden. 

Weitere Bildungs- und Emanzipationseffekte lassen sich auch mit Blick auf die im Rahmen von WASH-Programmen durchgeführten Hygiene-Trainings feststellen. Die Vermittlung von Hygienewissen und -praktiken trägt unmittelbar zu einer gesteigerten Aufklärung in Bezug auf gesundheitliche Risiken bei. Das Wissen wird dabei sowohl innerhalb der Gemeinde als auch seitens der Schüler*innen an die eigenen Familien weitergegeben.

In vielen WASH-Programmen, wie zum Beispiel bei well:fair, werden die Gruppen bei diesen Hygiene-Trainings zu gleichen Teilen von Männern und Frauen besetzt, um auf diese Weise Gleichberechtigung zu fördern. Durch ihre aktive Rolle nehmen die Teilnehmenden auch nach den Trainings eine wichtige Funktion im Rahmen des Gemeinde- oder Schulalltags ein. Diese Einbindung kann dabei auch als Form von “Empowerment” verstanden werden und hat häufig einen emanzipativen Charakter.

Durch diese Verbesserungen im Bereich der Bildung und damit verknüpften Entwicklungspotentialen können WASH-Programme einen wesentlichen Beitrag zur Armutsbekämpfung eines Landes sowie zur allgemeinen sozioökonomischen Entwicklung beitragen. Dabei ist es ein zentrales Ziel, durch die Verbesserung von Gesundheit und die Vermeidung leicht übertragbarer Krankheiten einen positiven Einfluss auf Bildung, Chancengerechtigkeit und Gleichberechtigung zu ermöglichen. Und somit einen wirkungsvollen, nachhaltigen Beitrag zu einer effektiven Armutsbekämpfung zu leisten.

Die wichtigsten Infos in Kürze:

Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene (WASH) sind für eine gesunde und selbstbestimmte Entwicklung unverzichtbar. Ein fehlender Zugang führt unweigerlich zu einer Vielfalt an negativen Folgen und Auswirkungen: gefährdete Ernährungssicherheit, steigende Kindersterblichkeit, Krankheiten, der nicht vorhandene Schutz der Intimsphäre und ein strapaziöser Weg der Wasserbeschaffung. Dies wiederum führt zu geringeren Bildungschancen und struktureller Armut.

Der Zugang zu sauberem Wasser und einer sicheren Sanitär- und Hygieneversorgung hat also einen enormen Einfluss auf den Verlauf eines jeden Lebens und bestimmt in einem hohen Maße die Entwicklungsmöglichkeiten eines Menschen. Nur dort, wo er gesichert ist, sind die Grundlagen für ein würdevolles Leben und die Chance auf Bildung gegeben.

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