Verstehen
18. Juni 2025
10 Minuten Lesedauer
Jeden Tag fehlen Millionen Mädchen weltweit in der Schule – nur weil sie ihre Periode haben. In vielen Ländern weltweit ist der Zugang zu Menstruationshygiene in Schulen unzureichend – besonders dort, wo Wasser-, Sanitär- und Hygienestrukturen fehlen. Auch in Teilen Ostafrikas fehlen häufig sichere und private Rückzugsmöglichkeiten für Mädchen während ihrer Menstruation.
Der Menstrual Hygiene Day möchte genau darauf aufmerksam machen. Ziel ist es, das Schweigen über die Menstruation zu brechen, Stigmatisierungen abzubauen und das Bewusstsein für die fundamentale Bedeutung des Menstruationshygiene-Managements (MHM) zu schärfen. Denn Menstruationshygiene umfasst mehr als Hygieneartikel. Einfache Maßnahmen können dabei das Leben von Mädchen grundlegend verändern.
2014 rief die in Berlin ansässige Nichtregierungsorganisation WASH United den ersten Weltmenstruationstag (Menstrual Hygiene Day) ins Leben. Seitdem hat er sich zu einer der einflussreichsten globalen Kampagnen von öffentlicher Gesundheit, Menschenrechten und Geschlechtergerechtigkeit entwickelt. Jedes Jahr am 28. Mai dient der Menstrual Hygiene Day dazu, über Missstände im Bereich der Menstruationshygiene aufmerksam zu machen und Tabus rund um das Thema Periode aufzulösen.
WASH United weist mit der Einführung dieser Kampagne auf eine jahrzehntelange Vernachlässigung der Menstruationsgesundheit in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und der nationalen Gesundheitspolitik hin. Demnach war das Thema Menstruationsgesundheit und -hygiene (MHH) vor 10 Jahren noch unter einer dichten Schicht des Schweigens begraben. Das führte dazu, dass die spezifischen Bedürfnisse von Milliarden Menschen im öffentlichen Diskurs und bei politischen Entscheidungen unsichtbar blieben (vgl. MH Day).
Der 28. Mai ist kein zufälliges Datum. Dahinter steckt eine präzise, biologische Symbolik, die die physiologische Realität des Menstruationszyklus ins kollektive Bewusstsein rücken soll. Die Zahl 28 repräsentiert die durchschnittliche Dauer eines Menstruationszyklus in Tagen. Der Mai, der 5. Monat des Jahres, verweist auf die durchschnittliche Dauer der Periode (5 Tage). Diese Kombination dient als Gedächtnisstütze und unterstützt die Motivation des Menstrual Hygiene Day, die Monatsblutung als einen normalen, gesunden biologischen Prozess darzustellen.
Anstelle eines jährlich wechselnden Mottos, setzt WASH United auf eine Langzeit-Mission: “Together for a Period Friendly World”. In dieser Perioden-freundlichen Welt, gehören Stigmata der Vergangenheit an, verfügt jede menstruierende Person über eine entsprechende Aufklärung und hat Zugang zu Hygieneartikeln und einer angemessenen Gesundheitsversorgung (vgl. MH Day).
Das Wort selbst klingt technisch: Menstruationshygiene. Gemeint ist damit weit mehr als ein Produkt. Es geht um die Bedingungen, unter denen Mädchen und Frauen ihre Periode ertragen müssen. Gemäß UNICEF wird Menstruationshygiene, oft als Menstrual Hygiene Management (kurz: MHM) folgendermaßen definiert:
UNICEF definiert Menstruationsgesundheit und -hygiene (MHH) als Menschenrecht. Sie verweist dabei unter anderem auf das Übereinkommen über die Rechte des Kindes (UN-Kinderrechtskonvention), das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) und das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention).
Die Einordnung als Menschenrecht stellt sicher, dass Regierungen das Thema politisch priorisieren müssen. Es geht also weg von der Scham im Stillen hin zu einer staatlichen Verantwortung für Infrastruktur und Aufklärung, mit dem Ziel, so die Benachteiligung aufgrund biologischer Gegebenheiten zu minimieren.
Sie will zur Schule gehen – doch dann…
Neelai ist 14 Jahre alt. Sie lebt in der Gemeinde Ildongisho in der Region Narok, rund fünf Autostunden entfernt von der kenianischen Hauptstadt Nairobi. An diesem Morgen ist sie früh wach. Ihre Schuluniform hängt über dem Lehnstuhl. Sie freut sich, zur Schule zu gehen – doch dann spürt sie das unangenehme Ziehen im Unterleib. Die Schmerzen. Sie weiß sofort, was los ist: Ihre Periode ist da. Und das bedeutet: zuhause bleiben.
Denn in ihrer Schule gibt es keine Möglichkeit, sich während der Menstruation zurückzuziehen. Keine saubere Toiletten. Keine Binden. Keine Privatsphäre. Nur Scham und das starke Gefühl, sich heute nicht sicher bewegen, spielen und lernen zu können.
Das Beispiel von Neelai ist fiktiv, denn in der Schule in Ildongisho gibt es dank eines unserer Projekte mittlerweile sauberes Wasser und geschlechtergetrennte Sanitäranlagen mit einem Rückzugsort für menstruierende Schülerinnen. Doch das Thema kann nicht realer sein.
Denn in vielen Ländern und Regionen der Welt fehlt es genau daran. Unter anderem auch in den Projektregionen, in denen wir WASH fördern. Die Auswirkungen sind dramatisch. Daliila (15) aus der Gemeinde Ikonongo in Tansania bringt es in einem kurzen Interview auf den Punkt. Vor der Fertigstellung des WASH Projekts hat sie oft in der Schule gefehlt. Als wir sie fragen, warum, sagt sie schlicht:
“Ich wollte mich nicht blamieren.”
Was sie meint: Blut auf der Kleidung. Witze von Jungs. Blicke von Lehrer*innen. Es fehlt nicht nur an Produkten; es fehlt vor auch an einem offenen, angstfreien Umgang mit dem Thema. Auch auf diese Missstände will der Menstrual Health Day am 28. Mai aufmerksam machen.
Auch in ländlichen Gebieten Naroks, Kenia lernen die Mädchen nicht nur den eigenen Körper kennen. Sie lernen, dass Menstruation nichts ist, wofür man sich schämen muss. Und die Jungs? Die werden gleich mitgeschult.
Eine gute Menstruationshygiene in Schulen besteht aus:
Diese vier Bausteine kombinieren wir bei well:fair in unseren Projekten – mit Partnerorgansiationen vor Ort und in enger Zusammenarbeit mit Lehrkräften und WASH Komitees der Gemeinden.
well:fair fördert WASH-Projekte in Tansania – aber auch Äthiopien und Kenia – an Schulen wie der Ikonongo Primary School. Dort wurden 2024 neue Sanitäranlagen gebaut, getrennt nach Geschlechtern und mit einem eigenen MHM-Raum. Dieser ist, genau wie die Toiletten auch, von innen abschließbar und mit einer Toilette und zusätzlich einer Dusche, Menstruationsprodukten sowie einer Klappe zu einem Müllschacht versehen.
Diese Klappe öffnen die Mädchen selbstständig und werfen die benutzten Binden durch den Schacht in den angrenzenden Ofen. Haben sich genug Binden angesammelt, wird das Feuer im Ofen entfacht und die Binden verbrannt. So entstehen nicht nur keine Abfälle, sondern die Mädchen können ganz frei, ohne Suche nach einem Mülleimer, zurück in den Unterricht laufen.

Was oft übersehen wird: Schlechte Menstruationshygiene ist nicht nur eine Frage der Bildung. Sie ist auch ein ernstes Gesundheitsrisiko. Neben einem erhöhten Risiko für Infektionen, wird auch die seelische Belastung der Mädchen oft übersehen.
Mangelnde Menstruationshygiene betrifft auch die körperliche Gesundheit. Wenn Mädchen während ihrer Periode auf improvisierte Materialien wie alte Stoffe, Blätter oder Zeitungen zurückgreifen müssen, erhöht sich das Risiko für Infektionen drastisch.
Harnwegsinfekte, bakterielle Vaginosen und Hautreizungen sind häufige Folgen mangelnder hygienischer Versorgung. Viele Mädchen trauen sich aus Scham nicht, Beschwerden zu äußern – und so bleiben Infektionen unbehandelt, werden chronisch oder führen schlimmstenfalls zur Unfruchtbarkeit.
Der Zugang zu sauberen, wiederverwendbaren oder einmal verwendbaren Binden, zusammen mit Wasser, Seife und Aufklärung, ist also auch eine Investition in die körperliche Gesundheit. MHM-Räume spielen hierbei eine entscheidende Rolle: Sie bieten nicht nur Rückzugsmöglichkeiten, sondern auch Platz für Aufklärung, Hygiene und Erste Hilfe.
Ein Schulleiter aus Narok berichtet:
“Früher hatten wir regelmäßig Fälle, bei denen Mädchen mit starken Schmerzen oder Entzündungen nach Hause geschickt wurden. Heute ist das seltener geworden.”
Gesunde Mädchen lernen besser, nehmen regelmäßiger am Unterricht teil und bleiben der Schule länger erhalten. Zugang zu sauberem Wasser beeinflusst neben einer besseren Menstruationshygiene so auch die Gleichberechtigung und ermöglicht Mädchen, ihr Menschenrecht auf Bildung wahrzunehmen.
Ein oft unterschätzter Aspekt ist die seelische Belastung, die mit schlechter Menstruationshygiene einhergeht. Mädchen, die während ihrer Periode aus Angst vor einer Blamage zuhause bleiben, erleben wiederholt Isolation, das Gefühl des Zurückbleibens – und entwickeln nicht selten ein negatives Körperbild.
In vielen Fällen führt dies zu Stress, Angstzuständen oder depressiven Verstimmungen. Besonders problematisch: Wenn Menstruation ausschließlich mit Scham und Einschränkung assoziiert wird, bleibt das auch im Erwachsenenleben haften. Betroffene berichten von einem gestörten Verhältnis zum eigenen Körper – und von dauerhaftem Schweigen.
Dabei kann ein positiver Umgang mit der Menstruation das Gegenteil bewirken: Mädchen, die in einem sicheren und unterstützenden Umfeld aufwachsen, entwickeln ein gesundes Selbstbewusstsein. Sie lernen, ihren Körper zu verstehen – und ihn nicht zu fürchten. Lehrer*innen, die offen über das Thema sprechen, tragen dazu ebenso bei wie Mütter, die nicht mehr schweigen. Die psychische Gesundheit beginnt also oft in einem einfachen Raum mit Tür, Seife und Licht. Manchmal kann es wirklich einfach sein.
Menstruationshygiene ermöglicht einen schamfreien Schulalltag. Sie gibt Mädchen und Frauen das notwendige Selbstvertrauen und ein positives Körpergefühl. Sie reduziert Ausgrenzung, Hänseleien und körperliche wie auch seelische Belastungen. Sie entscheidet über Bildung. Würde. Gesundheit.
Der Menstrual Health Day am 28. Mai macht genau darauf aufmerksam. Menstruationshygiene ist ein Menschenrecht. Jeder von uns kann dazu beitragen,dass dieses Recht nicht nur theoretisch definiert, sondern auch praktisch gelebt wird.
Mit einer Spende ermöglichst du Mädchen in Regionen wie Tigray (Äthiopien), Iringa (Tansania) & Narok (Kenia) den Weg zurück in die Schule und förderst eine selbstbestimmte Zukunft.
Dabei fließt jeder Euro deiner Spende in unsere Projektarbeit. Denn unsere kompletten Verwaltungskosten werden durch das Vermögen unseres Stiftungsgründers sowie durch Beiträge von Unternehmens- und Förderpartnern beglichen.
Mehr dazu erfährst du unter unser 100%-Versprechen. Unterstütze uns jetzt mit deiner Spende für die Umsetzung funktionierender Menstruationshygiene.