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Armut – weltweit auf dem Rückzug?

6. April 2023

8 Minuten Lesedauer

David Höltgen

Seit 1999 hat sich die Zahl derjenigen Menschen, die in extremer Armut leben, weltweit um etwa eine Milliarde verringert. Doch ist wirklich alles auf einem guten Weg – für alle?

Laut Weltbank-Definition gilt als “extrem arm”, wem weniger als 1,90 $-Dollar pro Tag (2011 festgelegter Standard) zur Verfügung stehen. Dabei bezeichnet diese als “Armutsquote” benannte Angabe den Anteil absolut armer Personen an der Bevölkerung und gilt derzeit wohl als der am weitesten verbreitete Maßstab in der Erfassung weltweiter (wirtschaftlicher) Armut. Grundsätzlich zu unterscheiden ist absolute Armut von relativer Armut, die in Bezug zum Durchschnittseinkommen definiert wird und daher selbst dann zunehmen kann, wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft absolut wohlhabender werden.

Absolute (extreme) Armut

Als absolut arm gilt, wer weniger als 1,90 $-Dollar pro Tag an Einkommen zur Verfügung hat. 1,90 Dollar sind 1,56 Euro, also ungefähr 46 Euro pro Monat. Diese Definition legt einen absoluten Grenzwert für alle Staaten der Welt fest.

Relative Armut

Als relativ arm gilt, wessen Einkommen weniger als 50 (oder 60) Prozent des mittleren Einkommens der Einwohner*innen eines Landes beträgt. In der Europäischen Union werden 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Erhebung der relativen Armut verwendet.

Weltweiter Rückgang absoluter Armut – ja oder nein?

Folgt man dieser Weltbank-Definition, zeigt der nüchterne Blick auf die absoluten Zahlen: die weltweite extreme Armut ist seit rund 100 Jahren auf dem Rückzug. Eindrucksvolle Daten der von der University of Oxford betriebenen Plattform Our World in Data besagen, dass der Anteil (an der Gesamtbevölkerung) der in absoluter Armut lebenden Personen weltweit von 94% im Jahr 1820 auf heute rund 10% gefallen ist – ein massiver Rückgang also. Seit 1999 hat sich laut der Vereinten Nationen (siehe: hier) die Zahl der Menschen in extremer Armut weltweit um etwa eine Milliarde verringert.

Wichtig bei der Betrachtung dieser Zahlen ist, dass es dabei extrem große regionale Unterschiede gibt: In verschiedenen Regionen der Welt fiel der Rückgang absoluter Armut nämlich unterschiedlich stark aus. Was logisch klingt, ist deswegen nicht weniger wichtig, explizit benannt zu werden. Schließlich hat genau diese Unterschiedlichkeit großen Einfluss auf eine ganzheitliche Interpretation globaler Armutsentwicklungen (siehe: Global Wealth Report).

Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung ist vorrangig im globalen Süden zu Hause. 21 Prozent von ihnen leben in Indien, 21 Prozent in Afrika, nur zwei Prozent in Nordamerika und 8 Prozent in Europa.

Besonders deutlich wird die Bedeutsamkeit einer kleinteiligen, regionalen Betrachtung am Beispiel von China: von den insgesamt rund 620 Millionen Menschen, die zwischen 1990 und 2008 über die damals noch als Standard definierte Armuts-Grenze von 1,25 $-Doller gehoben wurden, lebten etwa 510 Millionen allein in China. Zweifellos ein großer Erfolg. Klammert man China aus dieser globalen Betrachtung aus, ist über einen Zeitraum von 18 Jahren ein Rückgang absoluter Armutszahlen von knapp 110 Millionen Menschen zu erkennen.

In Subsahara-Afrika ist die Entwicklung sogar rückläufig – 2008 lebten dort rund 386 Millionen Menschen in extremer Armut. Das sind etwa 96 Millionen mehr als noch 1990 (siehe: Deutsches Institut für Entwicklungspolitik). Aktuellen Prognosen zufolge werden 2030 voraussichtlich rund 85 % aller (wirtschaftlich) extrem armen Menschen in Afrika südlich der Sahara leben (siehe: hier).

Kritik an der Bemessungsgrenze

Wie bei jeder statistischen Erhebung und Analyse ist es elementar, sich sowohl über die Analyse-Perspektive als auch über die Definition der konkreten Mess-Einheiten im Klaren zu sein. Im Fall der absoluten Armut scheint dies von besonderer Relevanz zu sein, schließlich haben die Interpretationen von Armutsstatistiken mitunter weitreichende Auswirkungen auf das Handeln politischer, wirtschaftlicher und weiterer einflussreicher Akteure.

Der 2011 von der Weltbank festgelegte Standard von 1,90 $-Dollar pro Tag ist dabei keineswegs unumstritten. Jason Hickel, Ökonom an der London School of Economics und einer der weltweit bedeutendsten Wirtschaftsanthropologen, hält die derzeitige Bemessungsgrenze von 1,90 $-Dollar für unangebracht und nicht zeitgemäß. In einem seiner viel beachteten Artikel (siehe: The Guardian) merkt er an, dass mit diesem Betrag ein würdevolles Leben mit gesunder Ernährung, sicherer Behausung und einer adäquaten Gesundheitsversorgung vielerorts de facto gar nicht möglich sei. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftler*innen plädiert Hickel stattdessen dafür, die Bemessungsgrenze von absoluter Armut auf das anzuheben, was der gegenwärtigen Lebensrealität vieler Menschen entspreche. Dazu stellt er ganz konkret Werte zwischen 7,40 Dollar bis 15 Dollar pro Tag als Bemessungsgrenze für extreme Armut zur Diskussion. Folgt man seinen Ausführungen und Berechnungen würde aus der “Globalen Erfolgsgeschichte” ziemlich rasch ein krachender Misserfolg (siehe: Talks at Google).

Bei einem Wert von 7,40$ pro Tag hätten 2019 ganze 4,2 Milliarden Menschen unterhalb der Armutsgrenze gelebt, weit mehr als noch vor 40 Jahren.

Wichtig bei der Interpretation dieser “Zahlenspiele” ist ein größerer Kontext – fraglos also die Betrachtung und das miteinander ins Verhältnis setzen weiterer Fakten und Bezugsgrößen. Beispielsweise das globale Bevölkerungswachstum (2020 lebten rund 7,8 Milliarden Menschen auf der Erde und damit rund 2,8 Milliarden mehr als 1987) oder der Anstieg des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP). Letzteres ist in der Zeit von 1981 bis 2020 von 28,4 Billionen Dollar auf 82,6 Billionen gestiegen. Interessant dabei: von jedem Dollar mehr sind lediglich fünf Prozent bei den unteren sechzig Prozent der Weltbevölkerung angekommen (siehe: World Inequality Lab).

Ein weiterer Kritikpunkt an der allgemeinen Bemessungsgrenze der Weltbank ist, dass diese sich allein auf den Indikator Geld beziehe. Vielmehr, so Wissenschaftler*innen vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen und der „Oxford Poverty and Human Development Initiative“ (siehe: hier), komme es darauf an, zukünftig weitere Indikatoren für eine gesamtheitliche Armuts-Analyse heranzuziehen. Dazu zählen unter anderem eine parallele Betrachtung von Gesundheitslage, Bildungschancen und allgemeinem Lebensstandard. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von der Untersuchung „multidimensionaler Armut“.

Weltweite Ungleichheit nimmt zu

Das Beispiel China hat verdeutlicht, dass nur eine kleinteilige (regionale) Betrachtungsweise beim Blick auf Armutsentwicklungen wirklich erkenntnisreich erscheint. Das gilt auch für die Betrachtung des beeindruckenden Anstiegs des weltweiten BIPs – verleitet diese doch im ersten Moment zur (leichtfertigen) Zustimmung der seit Jahrzehnten weit verbreiteten “A rising tide lifts all boats”-Theorie. Also, dass die Flut alle Boote anhebt – demnach also alle Menschen, auch die wirtschaftlich ärmsten, langfristig von dem weltweiten Wirtschaftswachstum profitieren. Doch ist das wirklich so?

Laut des Berichts zur weltweiten Ungleichheit (siehe: World Inequality Lab) hat die Einkommensungleichheit in fast allen Regionen der Welt in den letzten Jahrzehnten tendenziell zugenommen – zum Teil massiv.

Die Grafik (WID.world 2017) zeigt exemplarisch: 2016 erhielt das oberste Prozent 22% des weltweiten Einkommens; die unteren 50% erhielten 10%. Zum Vergleich: 1980 gingen 16% des weltweiten Einkommens an das oberste Prozent und 8% an die unteren 50%. Knapp die Hälfte der Weltbevölkerung lebte Anfang 2020 von weniger als 5,50 $-Dollar am Tag.

Entwicklungen, die mit verschiedenen (kleinteiligen) Erhebungen des Global Wealth Reports übereinstimmen. Beispiel: Das (gemeinsame) Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung ist von rund 154 Milliarden US-Dollar (Juni 2017) auf 137 Milliarden US-Dollar (Juni 2018), also um 17 Mrd. US-Dollar innerhalb eines Jahres (knapp 500 Millionen US-Dollar am Tag) – oder 11% zurückgegangen. Ein Trend, der sich über Jahre hinweg beobachten lässt.

2018 wuchs das Vermögen der Milliardäre um 12 Prozent an, das sind 2,5 Milliarden US-Dollar am Tag. Das Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung sank im gleichen Zeitraum um 11 Prozent.

Quelle: Oxfam

Diese Zahlen deuten darauf hin, dass die Rechnung des weltweiten (wirtschaftlichen) Wachstums keineswegs für alle Menschen gleichermaßen aufgeht. Interessant dabei: Auch für Staaten bedeutet dieser Anstieg nicht automatisch mehr Reichtum. Vielmehr ist es das private Nettovermögen, das (in reichen Ländern) in den letzten 50 Jahren von etwa 200 Prozent des Nationaleinkommens (1970) auf bis zu 700 Prozent (2018) dessen angestiegen (siehe: World Inequality Lab). Zur gleichen Zeit ist das öffentliche Nettoeinkommen hingegen gesunken. Demnach seien, wie die Transformations-Forscherin Maja Göpel beschreibt, zwar “die Länder reicher geworden, die Staaten hingegen verarmt” (siehe: Göpel, Maja: “Unsere Welt neu denken”).

Corona-Pandemie vertieft die Gräben

Vermögensrekorde auf der einen, Leben am oder unterhalb des Existenzminimums auf der anderen Seite. Leider ist eine solche (vereinfachte) Schlussfolgerung zum gegenwärtigen Zeitpunkt (für zumindest viele Teile der Welt) nicht von der Hand zu weisen. Die derzeitige Corona-Pandemie sorgt dafür, dass die Gräben zwischen (teils unermesslichem) Wohlstand auf der einen und sich (vielerorts) verschärfender Armut auf der anderen Seite tiefer werden. Die jetzige Krise trifft dabei diejenigen besonders hart, die ohnehin bereits benachteiligt sind und/oder diskriminiert werden.

Um noch einmal die gängige Weltbank-Definition zu bemühen: Ursprünglich hatte die Weltbank prognostiziert (siehe: hier), dass 2020 die Zahl der extrem armen Menschen um 31 Millionen sinken wird. Stattdessen sind geschätzte 88 Millionen Menschen zusätzlich unter die Grenze von 1,90 $-Dollar gerutscht. Ihre Gesamtzahl ist Stand heute so hoch wie 2015, anders gesagt: Die Pandemie wirft die Welt im Kampf gegen die globale Armut um (mindestens) fünf Jahre zurück.

Eine weiterer, eindrucksvoller Vergleich macht die unmittelbaren regionalen Unterschiede der Pandemie greifbar: 2020 mussten Kinder in den wirtschaftlich schwächsten Ländern der Welt aufgrund von Corona auf rund vier Monate Schule verzichten, während es in wohlhabenden Ländern “nur” vier Wochen waren (jeweils im Durchschnitt). Die UNESCO geht davon aus, dass 33 Millionen Kinder, Jugendliche und Studierende wegen der Pandemie ihren Bildungsweg ganz abgebrochen haben (siehe: hier), vor allem in ärmeren Ländern. Also ausgerechnet dort, wo Bildung so dringend nötig wäre im Kampf gegen (extreme) Armut.

Wie kann Armut wirksam bekämpft werden?

Eine einfache Antwort auf diese komplexe Frage gibt es nicht. Zu vielschichtig, teilweise auch umstritten, ist die Sachlage zur momentanen Armut-Situation weltweit. Über eines jedenfalls besteht Konsens: Nichts trägt wohl so sehr zur Entwicklung und Verbesserung der Lebensverhältnisse bei wie Bildung und Ausbildung.

Ein letzter Blick auf die Zahlen: Laut Weltbildungsbericht konnten im Jahr 2018 rund 258 Millionen Kinder und Jugendliche keine Schule besuchen. Dies entspricht laut UNESCO einem Anteil von 17 Prozent der Heranwachsenden weltweit. Neun von zehn der Betroffenen leben auf dem afrikanischen Kontinent und in Asien. Führt man sich zusätzlich vor Augen, dass derzeit rund 2 Milliarden Menschen täglich keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser (WASH-Bericht von WHO und Unicef) und mehr als die Hälfte aller Menschen (etwa 4,2 Milliarden) keine sichere Sanitärversorgung hat, dürfte die Dunkelziffer noch weitaus höher liegen. Denn für die zeit- und kraftraubende Wasserbeschaffung – speziell in den ländlichen Gebieten – sind oftmals Frauen und Kinder zuständig. Zeit für den Besuch des Schulunterrichts bleibt folglich nicht – oder nur sehr unregelmäßig.

Somit stellt der Zugang zu Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene (kurz: WASH) an Schulen und in Gemeinden eine zentrale Grundvoraussetzung dafür dar, dass Kinder und Jugendliche Bildung erhalten – was wiederum die Grundlage dafür ist, nicht in Armut leben zu müssen. Ganzheitliche WASH-Projekte, also der Bau von Trinkwasserbrunnen und Sanitäranlagen sowie umfangreiche Hygienetrainings, leisten durch die Verbesserung von Gesundheit und die Vermeidung leicht übertragbarer Krankheiten einen positiven Einfluss auf Bildung, Chancengerechtigkeit und Gleichberechtigung. WASH-Projekte tragen demnach einen wesentlichen Beitrag zur Armutsbekämpfung eines Landes sowie zur allgemeinen sozioökonomischen Entwicklung bei.

Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:

  • Als extrem arm gelten Menschen, die weniger als 1,90 $-Dollar pro Tag zur Verfügung haben (Weltbank-Definition von 2011).
  • In absoluten Zahlen betrachtet hat die globale extreme Armut im vergangenen Jahrhundert massiv abgenommen.
  • Bei genauerer, regionaler Betrachtung wird deutlich, dass es große Unterschiede in den Entwicklungen gibt – bis hin zu rückläufigen Verläufen (bspw. teilweise mehr absolute Armut auf dem afrikanischen Kontinent).
  • Die Bemessungsgrenze für absolute Armut von 1,90 $-Dollar/Tag ist nicht unumstritten; einige Wissenschaftler*innen fordern eine höhere Grenze, da die Weltbank-Bemessung ihrer Einschätzung nach nicht der Lebensrealität entspricht.
  • Während das globale Vermögen kontinuierlich (rasant) steigt, kommen diese Wohlstandsgewinne bei der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung nicht an.
  • Die Corona-Pandemie verschärft die Situation für die wirtschaftlich ärmsten Menschen der Welt und führt zu mehr Armut, mehr Ungleichheit und weniger Aufstiegschancen.
  • Ganzheitliche WASH-Projekte, also der Bau von Trinkwasserbrunnen und Sanitäranlagen sowie Hygienetrainings, sind ein zentrales Werkzeug im Kampf gegen Armut.

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